Weiterverbreitung trotz Impfung nicht ausgeschlossen


Leipzig/Dresden. Der Wissensstand zu Corona ändert sich ständig. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen geimpft. Professor Michael Borte, Direktor des Immun-Defekt-Zentrums am Klinikum St. Georg und Mitglied der Sächsischen Impfkommission, gibt Antworten auf aktuelle Fragen.  


Wie lange hält die Immunisierung bei genesenen Menschen an?

Nach sechs bis neun Monaten liegt der Schutz noch bei über 90 Prozent, in den folgenden drei Monaten fällt er auf unter 75 Prozent. Eine erneute Erkrankung ist also möglich – diese würde nach Einschätzung Bortes aber nicht mehr so schwer verlaufen. „Wir werden wahrscheinlich eine jährliche Impfung brauchen, die auch auf Mutationen angepasst werden kann“, sagt der Mediziner. Das funktioniere am Besten mit mRNA-Vakzinen.


Wie lange hält die Immunisierung bei geimpften Menschen an?

Nach zwei Impfdosen besteht sechs Monate lang eine stabile Schutzwirkung von 97 Prozent. Weil erst seit einigen Monaten geimpft wird, gibt es noch keine Erfahrungswerte für längere Zeiträume. Studien dazu laufen derzeit.


Bis wann sollte eine Zweitimpfung spätestens erfolgen?

Die Diskussion über die Aufschiebung der Zweitimpfung ist aufgrund des Impfstoffmangels politisch und nicht wissenschaftlich begründet, betont Borte. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) hat die Impfstoffe wie folgt zu­gelassen: Biontech – Zweitimpfung nach 21 Tagen, Moderna – nach 28 Tagen, Astrazeneca – nach 84 Tagen. Borte rät, diese Fristen einzuhalten. Nach der ersten Impfung wird ein Schutz von 50 bis 60 Prozent erreicht, erst nach der zweiten Dosis landet man bei 95 bis 97 Prozent.


Sollten Genesene geimpft werden – und wenn ja: wann?

Sie sollten geimpft werden. Borte warnt davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Menschen mit mildem Verlauf haben oft wenig Antikörper gebildet und sind dann nicht so gut geschützt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Immunisierung sechs Monate nach Genesung. Die Sächsische Impfkommission (Siko) sieht das anders und empfiehlt die Vakzingabe schon 28 Tage nach Genesung oder nach dem ersten negativen Corona-Test.


Sind Geimpfte/Genesene genauso sicher wie frisch Getestete?

Nein. „Der frisch Getestete ist der Sicherste“, sagt Borte. Entscheidend sei aber die Qualität des Tests; der Goldstandard bleibt hierbei die PCR. Hintergrund: Nach aktueller Studienlage können Corona-Viren weiter die Schleimhäute von Geimpften besiedeln; eine Weiterverbreitung ist nicht ausgeschlossen. Das ist auch das Ergebnis einer aktuellen Studie unter Leipziger Beteiligung, die kommende Woche veröffentlicht werden soll. Deshalb sind die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) auch nach Immunisierung einzuhalten.


Kann ich als Geimpfter im Sommer in Risikogebiete reisen?

„Das ist auf keinen Fall zu empfehlen“, sagt Borte und verweist auf die nicht auszuschließende Weiterverbreitung trotz Impfung sowie die drohende Einschleppung von Mutanten. „Es muss jetzt darum gehen, eine Impfquote von über 60 Prozent zu erreichen und die Pandemie so in die Knie zu zwingen.“


Wie groß ist die Gefahr für nicht geimpfte Kinder unter 16 Jahren in Risikogebieten?

Groß – von Reisen in solche Gebiete ist weiterhin dringend abzuraten.


Kann ich mein Kind unter 16 Jahren auf eigene Verantwortung impfen lassen – und wie gefährlich ist das?

Zurzeit ist eine Impfung unter 16 Jahren nicht zu empfehlen – unter anderem, weil man im Fall eines Impfschadens nicht abgesichert ist. Ab dem Zeitpunkt einer Zulassung für Jüngere wäre das anders. Wenn es gut läuft, könnte es im September oder Oktober so weit sein, schätzt Borte. Die aktuell laufenden Studien mit mRNA-Impfstoffen seien vielversprechend.


Ist trotz Impfung eine Quarantäne ratsam – nach Kontakt mit einem Infizierten oder nach einer Reise?

Ja, aber nach einem negativen PCR-Test kann die Quarantäne zügig aufgehoben werden.


Sollten sich Schwangere impfen lassen?

Die Stiko empfiehlt das bislang generell nicht. Bei Vorerkrankungen und/oder erhöhtem Risiko könne nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung in Einzelfällen und nach ausführlicher Aufklärung eine Impfung angeboten werden. „Allerdings ist die Datenlage jetzt so, dass Schwangere ab dem vierten Monat problemlos geimpft werden können“, sagt Michael Borte. Auch die Siko empfiehlt das.


Wie kann ich nachweisen, dass ich Corona hatte und genesen bin?

Mit einem Antikörper-Test. Dazu muss Blut abgenommen werden.


Quelle:

LVZ